Diese Kurve ist das neue Orakel für den KI-Kollaps.
- 13. Dez. 2025
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An der Wall Street fürchten Börsianer, dass schlechte Ergebnisse die KI-Blase zum Platzen bringen. Das könnte jetzt passiert sein. Software-Gigant Oracle hat ein Warnsignal ausgelöst, das seit der Finanzkrise 2009 nicht mehr so hell geleuchtet hat.
Vom KI-Messias zum Sorgenkind in nur 90 Tagen – willkommen in der brutalen Realität der Tech-Börse. Noch vor drei Monaten wurde Oracle als der ultimative Beweis gefeiert, dass der KI-Goldrausch gerade erst beginnt. Die Aktie schoss um 40 Prozent nach oben, getragen von einem Auftragsbuch, das vor Rekorden nur so strotzte. Oracle war der unaufhaltsame Gigant.
Ein Quartal später ist die Stimmung gekippt. Oracle ist plötzlich zum potenziellen Crash-Indikator mutiert. Die Aktie ist nach den aktuellen Quartalszahlen zweistellig abgestürzt, die Euphorie ist purer Angst gewichen. Plötzlich interessiert sich niemand mehr für die vollen Auftragsbücher. Stattdessen stellen alle die eine toxische Frage: Kann sich Oracle diesen Wahnsinn überhaupt leisten?
Während die Gewinne auf sich warten lassen, steigen die Kosten rasant an – und im Hintergrund blinkt ein Warnlicht, das seit der Finanzkrise 2009 nicht mehr so hell geleuchtet hat. Die Kreditmärkte schlagen Alarm. Die Kosten für die Absicherung gegen einen Zahlungsausfall von Oracle, die sogenannten Credit Default Swaps (CDS), sind explodiert. Die Preise für fünfjährige CDS betragen rund 140 Basispunkte. Um einen Kredit über 10.000 Dollar abzusichern, müssen Anleger fast 140 Dollar bezahlen. Das ist der höchste Wert seit April 2009, mitten in der globalen Finanzkrise.
Die Kreditmärkte taxieren die Wahrscheinlichkeit, dass Oracle innerhalb der kommenden fünf Jahre seinen Kreditverpflichtungen nicht nachkommen kann, inzwischen auf elf Prozent. Oracle ist damit nicht mehr nur eine enttäuschende Aktienstory, sondern zum „Kreditmarkt-Barometer für das KI-Risiko“ geworden. „Oracle ist extrem wichtig, weil es der Vorbote des KI-Investitionsbooms ist“, sagte William Smith von AllianceBernstein dem Finanzdienst Bloomberg. Die Neubewertung an den Schuldenmärkten sei ein klares Zeichen dafür, dass sich hier Risiken aufbauen.
Der Grund für die Panik ist simpel: Der Ausbau der KI-Infrastruktur verschlingt unfassbare Summen. Allein im abgelaufenen Quartal hat Oracle zwölf Milliarden Dollar in den Aufbau von Rechenzentren gesteckt – Geld, das Oracle nicht hat und auch in absehbarer Zukunft nicht verdienen wird. Sichtbar wird das am freien Cashflow, der im abgelaufenen Quartal bei minus zehn Milliarden Dollar lag. Der Software- und Cloud-Konzern verbrennt Geld für Datenzentren und Equipment, sitzt bereits auf einem Schuldenberg von mehr als 100 Milliarden Dollar und muss weiter finanzieren.
Investoren und Hedgefonds decken sich massiv mit Absicherungen ein, weil sie fürchten, dass die steigende Verschuldung die Bonität ruiniert, bevor die KI-Gewinne sprudeln. Analysten von Morgan Stanley warnten bereits, dass die CDS-Preise sogar auf 200 Basispunkte steigen könnten, wenn Oracle seine Finanzierungsstrategie nicht besser erklärt.
Die Quartalszahlen selbst gossen zusätzlich Öl ins Feuer. Der Umsatz verfehlte die hohen Erwartungen, und das Cloud-Wachstum lag mit 33 Prozent unter den Hoffnungen der Experten. Auch die Gewinne enttäuschten. Die Bruttomarge fiel auf 41,9 Prozent – ein Rückgang von rund fünf Prozentpunkten im Vergleich zum Vorjahr. Auch die operative Marge sank. Investoren sorgen sich, wie Oracle diesen massiven Kapitalbedarf finanzieren will, zumal die Umsetzung Fragen aufwirft. Es ist unklar, ob und wann die massiven Investitionen zu profitablen Einnahmequellen werden.
Oracle nennt kreative Lösungen wie „Bring Your Own Chip“, bei dem Kunden ihre eigenen Chips ins Rechenzentrum bringen, oder Leasing-Modelle. Morgan Stanley warnt jedoch, dass solche Modelle die Profitabilität des GPU-as-a-Service-Geschäfts verwässern könnten, da Oracle dann nicht mehr an der Hardware selbst verdient. Da nützte es auch nichts, dass Oracle aufgrund der Auftragslage die Umsatzprognose für das kommende Geschäftsjahr um vier Milliarden Dollar auf nun 89 Milliarden Dollar angehoben hat.
Während die Kreditmärkte Krisenstimmung verbreiten, hält Dan Ives von Wedbush Securities dagegen. Er bezeichnet den Abverkauf als panisches „Feuer-Rufen in einem überfüllten Theater“ und verweist auf eine Kennzahl, die im vergangenen Quartal noch für den Kurssprung gesorgt hatte: den vertraglich gesicherten Auftragsbestand, im Jargon Remaining Performance Obligations (RPO) genannt. Dieser ist gigantisch. Oracle meldete einen RPO von 523 Milliarden Dollar – weit über den erwarteten 500 Milliarden. Allein in diesem Quartal kamen organisch 69 Milliarden Dollar an neuen Aufträgen hinzu. Für Wedbush ist dies der Beweis, dass die Nachfrage nicht das Problem ist. Sie sehen die Situation als „Luxusproblem“ einer Firma, die mit dem Liefern kaum nachkommt.
Auch Oracle-Co-CEO Clay Magouyrk versuchte zu beruhigen. Man werde „wesentlich weniger“ neue Schulden aufnehmen müssen, als Analysten befürchten, und dadurch das Investment-Grade-Rating verteidigen.
Die Situation bei Oracle hat sich zur Glaubensfrage entwickelt. Auf der einen Seite steht ein Auftragsberg von über einer halben Billion Dollar, der massives künftiges Wachstum verspricht. Wedbush prognostiziert bis zu 47 Prozent Umsatzwachstum im übernächsten Jahr. Auf der anderen Seite steht ein CDS-Preis auf Finanzkrisen-Niveau, der signalisiert: Der Weg dorthin ist teuer, riskant und mit Schulden gepflastert.
Oracle ist damit zum ultimativen Testfall geworden. Hält das Unternehmen dem Druck stand, ist der KI-Boom intakt. Kippt es unter der Schuldenlast, könnte es der Dominostein sein, der die gesamte Branche ins Wanken bringt.








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