top of page

KI 2026: Zwischen digitalem Praktikanten, Klimasünder und Billionen-Dollar-Star

  • 3. Juni
  • 3 Min. Lesezeit


Die künstliche Intelligenz hat in den vergangenen Jahren einen bemerkenswerten Karriereweg hingelegt. Vom nerdigen Forschungsprojekt entwickelte sie sich zum beliebtesten Kollegen im Büro – stets verfügbar, nie im Urlaub und erstaunlich talentiert beim Schreiben von E-Mails, die ohnehin niemand vollständig liest.

Eine Schweizer Studie unter über 1'300 Büroangestellten zeigt: KI ist längst im Arbeitsalltag angekommen. Über die Hälfte nutzt entsprechende Werkzeuge mindestens einmal pro Woche, hauptsächlich für Recherchen, Textbearbeitung und Übersetzungen. Besonders die Generation Z scheint KI bereits als erweiterten Gehirnlappen zu betrachten. Wissenschaftlich betrachtet handelt es sich um einen klassischen Technologie-Adoptionsprozess. Praktisch betrachtet bedeutet es, dass immer mehr Mitarbeitende ihre Arbeit von einem Algorithmus formulieren lassen.

Problematisch wird es allerdings dort, wo Unternehmen KI zwar einsetzen, aber kaum Regeln dafür besitzen. Nur etwa die Hälfte verfügt über klare Richtlinien. Das führt zur Entstehung sogenannter „Schatten-KI“: Mitarbeitende laden Verträge, interne Dokumente oder sogar Kundendaten in frei verfügbare Systeme hoch und hoffen darauf, dass niemand unangenehme Fragen stellt. Aus Sicht der Informationssicherheit erinnert dies an ein Labor, in dem jeder Chemikalien mischt, aber niemand die Etiketten liest.

Hinzu kommt ein psychologischer Effekt, den Forschende seit Jahrzehnten kennen: Menschen überschätzen gerne ihre Fähigkeiten. Während fast die Hälfte der Befragten ihr Wissen über KI-basierte Cyberangriffe als gering einschätzt, glauben gleichzeitig zwei Drittel, sie könnten KI-generierte Betrugsversuche problemlos erkennen. Das entspricht ungefähr der Aussage: „Ich kann zwar nicht schwimmen, aber gegen einen Hai hätte ich gute Chancen.“

Während Unternehmen also noch darüber diskutieren, welche Daten in Chatbots gehören und welche besser nicht, beschäftigt eine andere Frage Umweltverbände und Wissenschaftler: Ist KI tatsächlich ein Werkzeug zur Rettung des Klimas oder eher ein besonders energiehungriger Mitbewohner?

Eine Analyse von Nichtregierungsorganisationen kommt zu einem ernüchternden Ergebnis. Viele Technologieunternehmen argumentieren, KI werde helfen, die Klimakrise zu bewältigen. Die wissenschaftliche Evidenz dafür ist jedoch überraschend dünn. Von 154 untersuchten Behauptungen stützte sich nur etwa ein Viertel auf veröffentlichte wissenschaftliche Studien. Der Rest basierte häufig auf Unternehmensberichten oder gleich ganz auf Optimismus.

Besonders kritisch betrachten die Autoren den Boom generativer KI-Systeme wie ChatGPT, Copilot oder Gemini. Diese Modelle benötigen enorme Mengen an Strom, Wasser und Rechenleistung. Nachweisbare positive Klimaeffekte konnten die Forscher hingegen kaum finden. Mit anderen Worten: Die KI verspricht zwar, die Welt zu retten, benötigt dafür aber zunächst ein eigenes Kraftwerk.

Den Investoren scheint dies allerdings wenig Sorgen zu bereiten. Im Gegenteil: Die Begeisterung für KI erreicht inzwischen astronomische Dimensionen. Das Unternehmen Anthropic, gegründet von ehemaligen OpenAI-Mitarbeitern, wurde nach einer neuen Finanzierungsrunde mit rund 965 Milliarden Dollar bewertet – fast eine Billion Dollar für eine Firma, die erst 2021 gegründet wurde.

Möglich macht dies vor allem der Boom im sogenannten „Vibecoding“: KI-Systeme schreiben Software auf Basis natürlicher Sprache. Programmierer erklären der Maschine, was sie möchten, und die Maschine erledigt den Rest. Informatiker sprechen hier von Automatisierung. Skeptiker sprechen von einer Zukunft, in der Computer andere Computer programmieren, während Menschen danebenstehen und hoffen, dass alles gutgeht.

Anthropic investiert die frischen Milliarden in neue Rechenzentren und zusätzliche Rechenleistung. Denn moderne KI benötigt nicht nur Daten, sondern ganze Kontinente voller Prozessoren. Die Branche bewegt sich damit in einem bemerkenswerten Spannungsfeld: Einerseits soll KI Produktivität steigern, Innovation fördern und vielleicht sogar gesellschaftliche Probleme lösen. Andererseits steigen Energieverbrauch, Sicherheitsrisiken und wirtschaftliche Konzentration in bisher unbekannte Dimensionen.

Die wissenschaftliche Gesamtbilanz fällt daher differenziert aus: KI ist weder Heilsbringer noch Weltuntergangsmaschine. Sie ist ein mächtiges Werkzeug, dessen Nutzen entscheidend davon abhängt, wie verantwortungsvoll Menschen damit umgehen.

Oder einfacher gesagt: Die eigentliche Gefahr besteht nicht darin, dass die KI die Weltherrschaft übernimmt. Sondern darin, dass wir ihr bereits vertrauliche Daten, unsere Stromrechnung und mehrere hundert Milliarden Dollar anvertrauen, bevor wir überhaupt die Bedienungsanleitung gelesen haben.


 
 
 

Kommentare


bottom of page