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FachkrĂ€ftemangel? War gestern. Heute haben wir KI. đŸ€–

vor 1 Tag
4 Min. Lesezeit

Oder: Wie man 450 Stellen abbaut und es trotzdem nach Innovation klingt.


Die Schweizer Arbeitswelt entdeckt gerade ein bemerkenswertes neues ProduktivitĂ€tsinstrument: kĂŒnstliche Intelligenz.

Bei Sunrise könnten bis zu 450 weitere ArbeitsplĂ€tze wegfallen. Das Unternehmen prĂŒft eine umfassende Neuausrichtung seines Betriebsmodells und will unter anderem durch KI effizienter werden.

Das ist zunĂ€chst einmal legitim. Unternehmen mĂŒssen effizient arbeiten. Technologien verĂ€ndern TĂ€tigkeiten. Prozesse werden automatisiert. Das war bei der Dampfmaschine so, beim PC, beim Internet – und es wird bei generativer KI nicht anders sein.

Interessant wird es allerdings bei der Reihenfolge:

Kommt zuerst die KI und danach die Erkenntnis, dass weniger Personal benötigt wird?

Oder kommt zuerst das Sparziel – und danach die PowerPoint-Folie mit dem Titel „AI Transformation“?

Willkommen in der möglicherweise spannendsten arbeitsökonomischen Feldstudie der nÀchsten Jahre.

Vom FachkrĂ€ftemangel zum FachkrĂ€fteĂŒberschuss?

Noch vor Kurzem klang die Diskussion in der Schweiz ungefÀhr so:

„Wir finden keine Leute!“

Recruiter suchten. Unternehmen warben. Arbeitgeber optimierten Benefits, Employer Branding und Candidate Experience. FachkrÀftemangel wurde beinahe zu einem Naturgesetz erklÀrt.

Nun verÀndert sich die Tonlage.

KI kann Dokumente analysieren, Code erzeugen, Kundenanfragen beantworten, PrÀsentationen erstellen, Daten strukturieren und administrative Prozesse automatisieren.

Und plötzlich lautet die Frage nicht mehr nur:

„Wo finden wir genĂŒgend qualifizierte Mitarbeitende?“

Sondern zunehmend:

„Wie viele davon brauchen wir eigentlich noch?“

Das ist ein fundamentaler Perspektivenwechsel.

KI ersetzt nicht zwingend Berufe – sondern Aufgaben

Wissenschaftlich ist eine Unterscheidung besonders wichtig.

Generative KI ersetzt meistens nicht von heute auf morgen einen kompletten Beruf.

Sie ĂŒbernimmt einzelne TĂ€tigkeiten innerhalb eines Berufs.

Ein Softwareentwickler besteht nicht nur aus Programmieren.

Ein Consultant nicht nur aus PowerPoint.

Ein Recruiter nicht nur aus CV-Screening.

Und – zum GlĂŒck fĂŒr einige FĂŒhrungsetagen – ein CEO nicht nur aus dem Schreiben von Strategiepapieren.

KI kann aber einzelne Bestandteile dieser TĂ€tigkeiten erheblich beschleunigen.

Wenn dadurch beispielsweise zehn Menschen kĂŒnftig die Arbeit erledigen können, fĂŒr die bisher zwölf benötigt wurden, entsteht ein realer ProduktivitĂ€tseffekt.

Die entscheidende Frage lautet dann:

Was macht das Unternehmen mit diesem ProduktivitÀtsgewinn?

Mehr GeschÀft?

Neue Produkte?

Besseren Kundenservice?

KĂŒrzere Arbeitszeiten?

Oder zwei KĂŒndigungsschreiben?


Besonders interessant wird es bei den Jungen



Die vielleicht wichtigste Entwicklung findet möglicherweise gar nicht bei bestehenden ArbeitsplÀtzen statt.

Sondern beim Nicht-Entstehen neuer ArbeitsplÀtze.

Wenn erfahrene Mitarbeitende mithilfe von KI produktiver werden, könnten Unternehmen weniger Berufseinsteiger benötigen.

Aus drei Junior Consultants werden vielleicht zwei.

Aus fĂŒnf Junior Developers vier.

Und aus zehn Sachbearbeitern vielleicht acht – plus Copilot.

Kurzfristig ist das betriebswirtschaftlich attraktiv.

Langfristig entsteht allerdings ein kleines Problem:

Wer wird eigentlich Senior, wenn niemand mehr Junior werden darf?

Berufserfahrung lÀsst sich bislang erstaunlicherweise noch nicht als Software-Update installieren.

Das könnte zu einem der unterschÀtzten Probleme der KI-Transformation werden: Unternehmen optimieren heute ihre Personalkosten und beschÀdigen dabei möglicherweise ihre Talentpipeline von morgen.

Die Schweiz liefert erste interessante Signale

Besondere Aufmerksamkeit verdient deshalb die Entwicklung bei Hochqualifizierten.

Die im Ausgangsmaterial zitierten Schweizer Arbeitsmarktdaten weisen auf eine steigende Arbeitslosigkeit bei Personen mit tertiĂ€rer Ausbildung und auf Schwierigkeiten bei StudienabgĂ€ngern hin. AuffĂ€llig seien insbesondere TĂ€tigkeiten, die gegenĂŒber generativer KI stark exponiert sind.

Das beweist allerdings noch keinen kausalen Zusammenhang.

Korrelation ist keine KausalitÀt.

Konjunktur, Kostendruck, Zinsen, branchenspezifische Restrukturierungen und verÀnderte Investitionen wirken gleichzeitig auf den Arbeitsmarkt.

Wer jede Entlassung der KI zuschreibt, macht es sich wissenschaftlich ungefĂ€hr so einfach wie jemand, der jeden warmen Sommertag als Beweis fĂŒr ein einzelnes Klimamodell verwendet.

Trotzdem sollte man die Entwicklung ernst nehmen.

Denn erstmals trifft Automatisierung besonders stark jene Gruppe, die sich jahrzehntelang relativ sicher fĂŒhlen durfte:

Wissensarbeiter.

Banking. Versicherungen. Telekom. Consulting. Software. Pharma. Administration. HR.

Willkommen im Club der Automatisierbaren.

Und dann wÀre da noch das AI-Washing

Ein besonders hĂŒbscher Begriff fĂŒr die kommenden Jahre dĂŒrfte AI-Washing werden.

Denn:

„Wir haben zu hohe Kosten und mĂŒssen Personal abbauen“

klingt an der Börse eher nach gestern.

„Wir transformieren unser Operating Model durch Artificial Intelligence“

klingt hingegen nach morgen.

Das Ergebnis kann identisch sein.

Nur die PrÀsentation sieht besser aus.

Deshalb sollten Unternehmen transparent unterscheiden zwischen tatsĂ€chlich realisierten KI-ProduktivitĂ€tsgewinnen und erwarteten zukĂŒnftigen Effizienzgewinnen.

Denn wer heute 20 Prozent Personal abbaut, weil KI morgen vielleicht 20 Prozent produktiver macht, fĂŒhrt kein Effizienzprogramm durch.

Er macht eine Wette.

Recruiting wird dadurch nicht ĂŒberflĂŒssig – sondern anspruchsvoller

FĂŒr Personalberatung und Executive Search entsteht daraus eine paradoxe Situation.

Unternehmen werden möglicherweise insgesamt weniger Menschen einstellen – gleichzeitig aber intensiver um jene kĂ€mpfen, die besonders schwer durch Technologie substituierbar sind.

Gefragt sein dĂŒrften zunehmend Menschen, die Technologie nicht nur bedienen, sondern GeschĂ€ftsmodelle verstehen, Verantwortung ĂŒbernehmen, Kunden ĂŒberzeugen, komplexe Entscheidungen treffen und KI produktiv orchestrieren können.

Der Wettbewerb verschiebt sich damit womöglich vom klassischen War for Talent zum:

War for AI-augmented Talent.

Nicht Mensch oder Maschine.

Sondern Menschen, die mit Maschinen deutlich besser werden.

Vielleicht haben wir den FachkrÀftemangel falsch verstanden

Der FachkrÀftemangel verschwindet deshalb möglicherweise nicht.

Er verÀndert seine Struktur.

Wir könnten gleichzeitig erleben:

Arbeitslosigkeit bei bestimmten hochqualifizierten Berufsgruppen – und extremen FachkrĂ€ftemangel bei anderen.

Das klingt paradox.

Ist es aber nicht.

Technologische Transformation vernichtet selten einfach „Arbeit“. Sie verĂ€ndert vor allem, welche Arbeit wirtschaftlich wertvoll ist.

Und genau deshalb dĂŒrfte Recruiting in den nĂ€chsten Jahren interessanter werden als je zuvor.

Denn die wichtigste Frage an Kandidatinnen und Kandidaten könnte bald nicht mehr lauten:

„Was können Sie?“

Sondern:

„Was können Sie gemeinsam mit KI, was jemand anderes mit derselben KI nicht kann?“

Und vielleicht sollten Unternehmen sich gleichzeitig eine zweite Frage stellen:

„Bauen wir gerade Stellen ab, weil KI sie tatsĂ€chlich ĂŒberflĂŒssig gemacht hat – oder hoffen wir lediglich, dass sie es irgendwann tun wird?“

Das dĂŒrfte einen erheblichen Unterschied machen.

SpÀtestens dann, wenn der Algorithmus einmal krank ist.

Wobei er vermutlich kein Arztzeugnis bringt. 😉

 


 
 
 

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